Vom Gärtner zum Gastgeber
Schluss mit strenger Ordnung – den Garten insektenfreundlich gestalten, statt ihn zu bändigen
von Julia Kuhlmann, Bramscher Nachrichten
Osnabrück Lange Zeit galt das Ideal des Gärtners als das eines strengen Regisseurs. Im Garten wurde jedes Detail inszeniert und klar in Gut (darf bleiben) und Böse (muss verschwinden) unterschieden. In einer Zeit, in der viele den Wert der biologischen Vielfalt neu begreifen, wandelt sich unser Rollenbild: Wir hören auf, streng zu dirigieren und beginnen zu moderieren.
Es gab eine Zeit, in der ein „guter“ Gärtner vor allem eines war: ein Ordnungshüter der Natur. Die edle Rose wurde hofiert, der Löwenzahn als Störenfried entfernt. Es war die Zeit des Stutzens und Trimmens im Garten – allein die Wortwahl deutet auf die Massivität des Eingreifens hin. Ein akkurat gestutzter Rasen und bitteschön nackte, gekratzte Erde zwischen den Stauden galten als Ausweis von Sorgfalt.
In vielen Gartenfreunden lösen derartige Gärten heute Unbehagen aus. Insekten und Vögel finden in diesen rein auf Optik getrimmten Gärten kaum noch Nahrung oder Unterschlupf. Solche Gärten wirken wie leblose Kulissen, fast künstlich.
Ein spannender Perspektivwechsel
Wer die Entwicklungen in der Gartenszene ein wenig verfolgt, wird einen der spannendsten Perspektivwechsel der Gartengeschichte bemerken. Viele Gartenfreunde geben den Anspruch auf absolute Kontrolle auf und übernehmen eine viel subtilere Rolle: die des Gastgebers.
Wer als Gastgeber gärtnert, beherrscht seinen Garten nicht mehr. Er moderiert ihn. Er bereitet die Bühne vor, gestaltet die Rahmenbedingungen und wartet dann gespannt ab, wie sich die eigene Gestaltung entwickelt und welche weiteren Akteure erscheinen. Wir legen einen Teich an, pflanzen Gehölze oder lassen in einer Ecke gezielt Laub liegen. Aber was dann tatsächlich passiert, entscheidet der Garten selbst.
Viele Momente des Staunens belohnen uns in diesem Tun oder auch Nichttun. Wenn der Igel plötzlich unter dem Gebüsch raschelt oder ein eher seltenes Insekt die stehengelassene Distelblüte für sich entdeckt. Oder zwei Libellen den just fertiggestellten Gartenteich, in den gerade das Wasser einläuft, bereits entdeckt haben und bei ihren Erkundungsflügen auch eine Runde um die stolze Teichbauerin drehen, als wollten sie sich bedanken. Erlebnisse, die man nicht in der Gärtnerei oder im Gartencenter kaufen kann. Geschenke der Gäste im Garten an den Gastgeber – die schönste Rückmeldung, die ein Garten geben kann.
Dieser neue Stil bedeutet jedoch keineswegs, dass wir unsere eigene Ästhetik an der Gartenpforte abgeben müssen. Ein Garten ist immer auch ein persönlicher Rückzugsort und sollte uns selbst gefallen. Der Wunsch nach Insektenfreundlichkeit oder der Aufruf zu mehr Unordnung sollte nicht in ein neues, strenges Dogma umschlagen. Wir müssen auch nicht die reiche Gartenkultur opfern, um ökologisch wertvoll zu handeln. Schwarz-Weiß-Denken würde den Handlungsspielraum unnötig verengen.
Gärtner wägen in ihren Entscheidungen ständig ab, gerade auch im Umgang mit Pflanzen, die bei uns nicht heimisch sind. Ohne dieses Fass in diesem Text vollständig öffnen zu wollen: Was ist beispielsweise mit der Mahonie, die sich im Staudenbeet angesiedelt hat? In einigen Ländern haben Mahonien sich als zu ausbreitungsstark erwiesen und gelten als invasiv. Bleibt sie, wird sie gerodet? Insekten lieben die früh blühende Nordamerikanerin. Die Gärtnerin beobachtet erst einmal – liest, was andere Gartenmenschen, denen sie vertraut, dazu denken, und entscheidet und handelt dann.
Wer seinen Garten moderiert, sollte sich die klassische Rose mit der gefüllten Blüte weiterhin leisten dürfen, auch wenn sie für Insekten wenig bietet. Ihre Bedeutung in einer langen Gartenkultur ist ebenfalls ein Wert. Wir dürfen Hortensien lieben, auch wenn viele ihrer Art wenig Wert für Insekten haben – wobei moderne Züchtungen wie die Sorte „Confetti“ zeigen, dass optische Eleganz und ökologischer Nutzen wunderbar harmonieren können.
Wer den Stil der klassischen englischen Border liebt, kann diesen beibehalten; entscheidend ist lediglich die Auswahl der Pflanzen innerhalb dieser Struktur. Es braucht keinen radikalen Bruch mit gewohnten Stilen, wenn das Herz an üppiger, gepflegter Bepflanzung hängt und eben nicht an naturhafter Wildstauden- und Trockenheitsästhetik.
Vieles ist eine Frage der Einstellung, die wir einnehmen: Wildkräuter können auch als Büfett, die Brennnessel als Kinderzimmer fürs Tagpfauenauge und das Totholz als Unterschlupf für Wildbienen verstanden werden. Dann ist die unordentliche Ecke plötzlich kein Schandfleck mehr, den es mühsam zu beseitigen gilt. Sie wird zum lebendigsten Ort des Gartens. Der Moderator in uns weist ihr ihren Ort zu. Denn in unseren Beeten haben die Genannten auch weiterhin nicht ihren Platz.
Wir leisten aktiv einen Beitrag
Diese Art des Gärtnerns befreit uns von der Ohnmacht, in der uns die globalen Umweltberichte hinterlassen. Auf unseren paar Quadratmetern sind wir keine bloßen Beobachter des Insektensterbens mehr. Wir leisten aktiv einen Beitrag.
Gärtnern als Moderation verwandelt mühsame Kontrolle in neugieriges Beobachten. Es ist die Erkenntnis, dass wir nicht gegen die Natur arbeiten müssen, um Schönheit zu erzeugen.
